Haus der Senioren
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Was bringt die Pflegereform?

Bei der Einstufung in die neuen Pflegegrade steht künftig die Selbstständigkeit im Mittelpunkt. Das hat besonders für eine Gruppe große Vorteile

(Augsburger Allgemeine 28.12.2016)




Das System der Pflegestufen wird zum 1. Januar von den neuen Pflegegraden abgelöst. Damit wird der Grundsatz „ambulant vor stationär“ gestärkt. Trotzdem sieht der Heimleiter des Hauses der Senioren in Gundelfingen die Reform positiv. (Archiv-Foto: Becker)

Ein bis drei Minuten für das Haarekämmen, fünf Minuten für die Zahnpflege, acht bis zehn Minuten für das Ankleiden. Aufgrund der Pflegezeiten wurde bisher die Pflegestufe eines Menschen berechnet. Doch das gehört mit der Pflege-Reform, die zum 1. Januar greift, der Vergangenheit an. Die Abkehr von der Betrachtung in Minuten, sie ist für Markus Moll, Leiter des Hauses der Senioren in Gundelfingen, eine der wesentlichsten Änderungen. „Das war in der Praxis oft haarsträubend, weil ein Mensch sich so einfach nicht begutachten lässt. Das ist ein mutiger Schritt in eine gute Richtung“, findet er. Denn vor allem bei Menschen, die unter Demenz litten, habe die Minuten-Betrachtung zu Verzerrungen geführt.

Denn körperlich seien die sehr wohl in der Lage sich selbst zu kämmen, zu waschen oder sich die Schnürsenkel zu binden. Nur eben kognitiv nicht mehr. Deshalb ist Moll, der als Mitglied des Städtetags an der Ausarbeitung der Reform beteiligt war, froh, dass es ab dem neuen Jahr einen Paradigmenwechsel geben wird. Denn dann wird die bisherige Pflegestufe durch den Pflegegrad ersetzt. Entscheidend dafür ist der Grad der Selbstständigkeit, bei dem körperliche, kognitive und psychische Beeinträchtigungen berücksichtigt sind. Eine weitere große Änderung betrifft den Eigenanteil, den Pflegebedürftige, die in einer Einrichtung betreut werden, zahlen müssen. Der ist künftig einheitlich. „Egal ob man Pflegegrad zwei oder fünf hat: der Eigenanteil ist immer gleich hoch.“ Der Gundelfinger Spitalleiter Moll sieht darin mehrere Vorteile. Zum einen ergebe sich dadurch eine spürbare finanzielle Entlastung für die Pflegebedürftigen. Zum anderen erwartet Moll, dass dadurch die Konflikte mit den Angehörigen seltener werden, wenn sich der Zustand des Bewohners verschlechtert und die Heimleitung eine Neubegutachtung anregt.

Weil das in der Vergangenheit bedeutete, dass dann auch der Eigenanteil steigt, habe es hier bisher immer wieder Diskussionen gegeben – zusätzlich zu der seelischen Belastung, die eine Verschlechterung des Gesundheitszustands ohnehin mit sich bringe. Durch die Ausmittlung zwischen den Pflegegraden und den einheitlichen Eigenanteil werden laut Moll die niedrigen Pflegestufen tendenziell teurer, während die höheren entlastet werden. „Die niedrigen Grade subventionieren dadurch praktisch die höheren, weil die ja stärker gepflegt werden.“ Hier finde eine politisch gewollte Verschiebung statt. „Es soll eine Hemmschwelle aufgebaut werden, gleich ins Heim zu gehen. Nach dem Grundsatz: Ambulant vor stationär.“ Und das findet der Gundelfinger Heimleiter auch gut so. „Es kann nicht sein, dass in einem Pflegeheim von 80 Bewohnern 60 Rüstige sind und ich kann 20 Pflegebedürftige nicht aufnehmen.“ Auch wenn viele seiner Kollegen diese Entwicklung mit Sorge sehen.

Ein Kollege Molls, der diese Entwicklung kritisch sieht, ist Robert Frank. Der Leiter des Wertinger Seniorenzentrums St. Klara hat mit zwei Aspekten des neuen Gesetzes ein Problem. „Ich finde es persönlich ungerecht, dass jemand mit 40 Minuten täglichem Pflegeaufwand genauso viel bezahlen muss wie jemand mit vier Stunden“, sagt Frank. Und die finanzielle Hürde für den Einzug ins Heim, die durch den neuen Pflegegrad 1 geschaffen werde, findet er moralisch problematisch: „Es gibt viele Leute, die haben sonst einfach niemanden mehr.“ Aus seiner Sicht wird das neue Gesetz zu einer gravierenden Veränderung in der Bewohnerstruktur führen. Pflegeheime wie das seine würden in Zukunft vor allem mit sehr pflegebedürftigen Bewohnern gefüllt sein. Ob das gut oder schlecht sei, will er nicht pauschal beurteilen. Markus Moll blickt der Zukunft entspannt entgegen. „Ich glaube nicht, dass das ein Nachteil für die stationäre Pflege ist. Im ersten Schritt ist es immer richtig, daheim nach einer Lösung zu suchen. Mit ambulanten Pflegediensten oder Tagespflege – die künftig auch parallel genutzt werden können. Es wird immer Fälle geben, wo der Pflegebedarf so hoch ist, dass eine stationäre Pflege besser ist. Und wenn die Bewohner hier nicht glücklich sind, haben wir mit ihnen und den Angehörigen auch keine Freude.“ Besonders bei Demenz sei eine Betreuung in einem Heim oft die bessere Wahl. Denn wenn der Pflegebedürftige, wie oft der Fall, körperlich noch sehr fit ist, dann komme es oft zu Problemen, weil er viel unterwegs ist oder unbemerkt das Haus verlässt.

Doch was passiert mit Menschen, die schon eine Pflegestufe haben? Sie werden mathematisch in das Pflegegrad-System übergeleitet. Hier gelte ein Bestandsschutz. Das heißt keiner wird schlechter gestellt als bisher. Wer bisher Pflegestufe drei hatte wird jetzt im Pflegegrad 5 eingestuft. Für das Haus der Senioren bedeute das, dass viele Bewohner ab Januar den höchsten Pflegegrad haben werden. Wie der MDK künftig mit Ersteinstufungen umgeht, das müsse sich noch zeigen, sagt Moll. Aber es deute sich bereits an, dass der Pflegegrad 5 wesentlich schwerer zu bekommen sei als die bisherige Pflegestufe 3.

Quelle: Augsburger Allgemeine (Katharina Indrich)

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